Dienstag, 26. Juni 2007

2007-06-25, Montag 21.33 Uhr

Altherrterrasse

Ein Fest im Regen, Grillstellen, offene Feuer. Unter mehreren Blachen sitzen die Leute, etwa sechzig, an Festtischen auf Bänken, essen und trinken. Es ist alles sehr gut organisiert - Der Dauerregen schränkt aber grössere Bewegungen ein. Ein Mann in oranger Arbeitskleidung sagt: "Achtung, jetzt wird es etwas gefährlich!". Er geht zu einem Tisch, worauf ein hundähnliches Wesen steht, und zündet ein Streichholz an. Das Objekt auf dem Tisch, vier Metallbeine, ein Gummischlauch, eine Kartonschachtel und eine Hundemaske, ist mit einer Zündschnur verbunden. Der Mann zündet die Zündschnur an, es funkt und bräuselt, dann fliegt mit einem Knall der Deckel der Schachtel in die Luft, dicker Rauch steigt in die Höhe. Die Zuschauer sagen "ohh", "schön!", jemand fügt an: "Das ging schneller als beim Sächsilüüteböög - das wird einen schönen Sommer geben".

21.33 Uhr, sti

Samstag, 23. Juni 2007

2007-06-23, Samstag, 15.33 Uhr

Gemüsebrücke

Ein Tourist hantiert an seiner Kamera, riegelt am Apparat, woraufhin er das Grossmünster ins Visier nimmt. Zwei Spatzen picken an zerbrochenen Eiswaffeln nahe der Bank. «Wie viele Zwerge hat Schneewitchen?», ein Vater hält einen Fächer in der Hand. Es ist eine Art Bilderquiz, Illustrationen und Fragen sind darauf abgebildet. «...fünf, sechs, sieben!», das Mädchen streckt sieben Finger in die Höhe, die mit Delphinen verzierte, blaue Armbanduhr rutscht am Handgelenk. «Richtig! Und wie viele Stockwerke hat dieses Haus» – «Papa, was sind Stockwerke?» - «Stockwerke, das sind... ja schau halt mal genau hin, das sind Stockwerke» - «Hä...? » – «Stockwerke eben - «Papa, können wir nicht ein Eis essen gehen?». Ein Spatz pickt nach einem Eiswaffelsplitter und fliegt davon.

15.39 Uhr, hei

Freitag, 22. Juni 2007

2007-06-22, Freitag, 08.06 Uhr

La Perla, Ankerstrasse 53

Die Kaffeemaschine wütet und braust, es ist ein ohrenbetäubender Lärm, der das kleine Café erfüllt, was die paar wenigen Gäste nicht daran hindert, sich in ihrer Morgenlektüre zu vertiefen. Der Besitzer steht konzentriert hinter der Theke und stellt die gefüllten Tassen mit einem Scheppern auf die Unterteller. Flink arrangiert er das Ganze zu einer Reihe, worauf die Serviertochter nur noch nach den Tassen greifen und zwischen Ausschank und der kleinen Terrasse wegwieseln muss. Dort an der Fensterfront sitzen die Gäste wie an einer Perlenkette gefädelt, leicht schläfrig, einige mit lokalen Zeitungen beschäftigt. Unvermittelt erscheint auf der Terrasse ein südländisch aussehender Mann mit einem elektronischen Laubsauger und bringt weiteren Lärm in die Leserunde.

08.10 Uhr, hei

Mittwoch, 20. Juni 2007

2007-06-20, Mittwoch, 07.55 Uhr

Hardstrasse

Die fünf Hundeleinen spannen sich wie die Velospinne eines Gepäckträgers. Die kleinen Kläffer ziehen die Hundebesitzerin über die Strasse, während sich der morgendliche Verkehr langsam der Brücke nähert. Ein Fahrradfahrer klingelt aufgeregt und zeigt der Hundebesitzerin den Vogel. Die wendet sich und quittiert mit einem «chasch selber uffpasse, oder». Die Frau in Sandaletten schlurft und versucht Schritt zu halten, die schleichende Kolonne gähnt und will möglichst rasch vorwärts kommen.

07.58 Uhr, hei

Dienstag, 19. Juni 2007

2007-06-19, Dienstag, 13.21 Uhr

Rotwandstrasse 39

Grosse, grüne Garagentore, daran sich wild der Efeu rankt und ein Schild darauf hinweist, dass das Parkieren verboten ist. Im Innenhof staut sich die Hitze. Zwei Kombiwagen sind rückwärts in gelb bezeichneten Feldern abgestellt und verdecken leicht die Sicht des Architekturbüros. Man sieht darin ein Mann, der in dicken Bundesordnern blättert. Gegenüber der Garagentore befindet sich der Hinterereingang eines Frisiersalons. Blickt man durch die schmutzigen Scheiben, erkennt man einen Abstellraum mit einem Parkettboden. Nur wenige Schachteln liegen herum, der Raum ist praktisch leer. Ein junger Typ (indisches Aussehen) mit schwerer Motorradjacke steigt die Treppe in ein Kellerlokal hinunter und beginnt mit einer Unterhaltung mit der Besitzerin. «Ich dachte immer, Siebdruck hält am längsten... » - «Nicht unbedingt. Im Flexodruck kannst du genauso...» - «Aber ich habe das T-Shirt extra noch gedehnt und einer Reissprobe unterzogen» - «Ja gut, die Textilien sind auch nicht dazu gemacht, dass...» Etwa abseits in einem Nebenraum sitzt ein junger Mann mit Rastalocken hinter einem Bildschirm und bedient ein Grafikprogramm. Er ist damit beschäftigt, eine Vorlage mit vielen schwarzen Konturen in Farbe zu tauchen.

13.26 Uhr, hei

Sonntag, 17. Juni 2007

2007-06-17, 23.23 uhr

gz wipkingen

im inneren des gz spielt eine band 2/4 takt musik : die leute tanzen fröhlich bis ausgelassen. auf dem vorplatz sitzen weitere geburtstagspartyteilnehmerinnen und reden. ein polizist und eine polizistin tauchen aus dem dunkel auf, fragen nach dem organisator. der stürzt in das halbdunkle des tanzraumes, fragt, ob jemand einen roten rucksack sähe. ein mann findet den rucksack, der organisator der geburtstagsparty (endlich dreissig!) fischt seine identitätskarte heraus und zeigt sie der polizistin, die mit taschenlampe, notizblock, kugelschreiber (pistole, handschellen, knüppel angegurtet), seine personalien aufschreibt. er sagt: „ist egal : jetzt kostet es halt noch etwas mehr : but let’s have a party“ und tanzt weiter. ein wunderlicher mensch, der kürzlich noch erzählt hat, wie frei er sei und wie seltsam es hier zu und her gehe, schliesst eifrig schalldämpfende türen. die band spielt kurz etwas leiser mit eingefügtem „psssssst“ – dann gleich klöpfen sie los mit einem doors-kletzmer-verschnitt : „let’show me the way to the next wodka bar“ und dann wird die musik wieder richtig laut.

23.50 uhr, sti
2007-06-17, Sonntag , 14.25 Uhr

Tibits, Seefeldstrasse

«Warm draussen.» - «Hmm». Er blättert in der Zeitung, sie starrt vor sich hin. Am Buffet herrscht Grossandrang, alle bedienen sich an der Auslage, klappern mit dem Geschirr und schieben ihre gefüllten Teller an die Kasse. Dort haben vier junge Angestellte alle Hände voll zu tun. Er schiebt die Zeitung beiseite. Ihre beiden Arme stützen den Kopf, er rückt sich die Sonnenbrille zurecht. «Rollerblader.» – «Hmm.» Mit einem Schlag ist es drinnen leer, draussen füllen sich die Bänke und Stühle. Eine Gruppe Rollerblader kurvt an den Gästen vorbei, zwei Mütter mit Kinderwagen können noch rechtzeitig ausweichen. «Zu heiss zum Bladen.» - «Hmm».

14.34 Uhr, hei

Freitag, 15. Juni 2007

2007-06-13, Freitag, 17.55 Uhr

3er-Tram, Richtung Lochergut

«Es wäre eine absolute Traumstelle, mehr so im Offshore-Bereich. Aber ein echter Challenge für mich», eine junge Frau, gut gekleidet, stark geschminkt, manikürte Fingernägel im French-Look sitzt oder vielmehr lehnt im hintersten Waggon an der Konsole. Die Füsse stecken in spitzen Schuhen und wippen nervös. Am Handgelenk hängt eine hellbraune Handtasche. Sie spricht laut ins Handy, die Fahrgäste nehmen keine Notiz von ihr. Einige blättern in der «20Minuten»-Wochenendausgabe. «Ich glaube nicht, dass ich mit dreissig zu alt für diese Stelle bin», spricht sie. Das Tram stockt und schleicht, am Lochergut braust viel Verkehr. Das Fahrzeug kommt zum Stehen, und die junge Frau fährt im aufgeregten Tonfall mit ihrer Unterhaltung fort. An der Haltestelle steigen zwei junge Typen ein, von Kopf bis Fuss in Schwarz. Sie stehen links und rechts neben der jungen Frau, der eine hält eine Zigarette in der Hand, die noch brennt. Weiche Wölkchen steigen auf. Die junge Frau erblickt weiter vorne einen freien Platz, eilt und setzt sich dorthin. Sie erzählt etwas von einem Arbeitsvertrag, den sie bis Montag unterzeichnet abschicken muss.

17.59 Uhr, hei

Mittwoch, 13. Juni 2007

2007-06-13, Mittwoch, 20.17 Uhr

Idaplatz

Die rote Zielkugel rollt und bleibt plötzlich wie fest geklebt im Kies stecken. Die beiden jungen Männer schmeissen abwechslungsweise ihre grossen Silberkugeln. Sehr lässig, en passant. Die beiden Männer unterhalten sich, die Kugeln liegen weit vom Ziel entfernt. Vier Silberkugeln bilden einen unförmigen Kreis. In einer „fast Mitte“ leuchtet die kleine Boulekugel. Neues Spiel, neuer Wurf. Diesmal klebt die Zielkugel dicht an einer Liftfasssäule, die grossen Kugeln schiessen dagegen links und rechts an der Säule vorbei. Der eine Mann in khakifarbenen Cabrihosen zückt ein Handy aus der Hosentasche und beginnt zu plaudern, mit der rechten Hand wirft er seinen Spielgegenstand fort. Der andere rückt seine schwarze Brille zurecht und macht den nächsten Wurf. Neues Spiel, neuer Wurf. Ein streunender Hund (Rasse unbestimmt) taucht auf, beschnuppert kurz die rote Zielkugel und jagt davon.

20.21 Uhr, hei

Dienstag, 12. Juni 2007

2007-06-12, Dienstag, 20.24 Uhr

Idaplatz

Das Kind will die Wasserflasche nicht halten und schon gar nicht einen Schluck daraus nehmen. Eine alte Frau mit Kopftuch hat zuvor die Flasche am Brunnen gefüllt. Nun rennt das Kind weg, und die Frau wischt einige Blätter von der Bank weg. Bevor sie sich hinsetzt, raschelt sie an einem Stück Plastik herum und entnimmt der halb zerschlissenen, weissen Tüte Obst. Das Kleinkind stets im Auge behaltend, nimmt sie einen grossen Schluck aus der Flasche. Das Kind rennt einem Ball hinterher und entfernt sich immer weiter von der Bank weg. Die alte Frau streckt die Beine und ruft dem Kind nach, es möge sofort wieder zurückkommen. Ein älterer Mann mit Vollbart und Kippa eilt der Strasse entlang, sein Blick ist fix auf den Boden gerichtet. In der rechten Hand hält er ebenfalls eine dieser kleinen, transparenten Einkaufstüten, darin ein grosses Stück Wassermelone zu erkennen ist.

20.28 Uhr, hei

Montag, 11. Juni 2007

2007-06-11, Montag, 12.23 Uhr

Baumackerstrasse 46, Poststelle

«Bling» - 455 B. Sekunden später ein weiteres «Bling». 456, diesmal Schalter D. Postkunden halten das kleine Zettelchen des Abreissautomaten in den Händen. Wenn ein «Bling» den lang gezogenen Raum akustisch aufhellt, vergleichen die einen die Nummer mit der rot bezifferten Leuchtschrift über dem Schalter. Andere stehen in Gedanken versunken oder genervt oder gelangweilt oder stoisch in der Schlange. Oder vielleicht ist es etwas von allem. «Bling». 457, C. Niemand rührt sich. Blicke streifen die Wartenden. Es folgt eine zweite klingende Aufforderung, sich an den Schalter C zu begeben. Eine Frau verlagert das Standbein und stöhnt auf. Sie vergleicht das Zettelchen mit der Leuchtschrift und bemerkt, dass sie nun an der Reihe ist. Zügig schreitet sie auf den Schalter zu, legt drei Briefe hin und zückt aus der Tasche die Geldbörse.

12.26 Uhr, hei

Sonntag, 10. Juni 2007

2007-06-10, Sonntag, 15.17 Uhr

Hildastrasse

Ein warmer Tag, aufgereihte Tischchen und Stühle warten auf dem Gehsteig auf Gäste. Zwei aufblondierte Frauen anfangs fünfzig sitzen zusammen und unterhalten sich angeregt bei einem Kaffee. Aus der «La Ola»-Bar dringt laute Musik. Ein Zweimannorchester spielt synthesizer-unterlegte Blues-Nummern, dazu zirpt munter eine Mundharmonika. Die kleine Bar bietet kaum mehr Platz für weitere Gäste. «Cocain» wird angespielt, auf der Theke bilden leere und volle Biergläser ein üppiges Arrangement. Das Publikum klatscht im Rhythmus mit. Ein in Jeans bekleideter Mann streckt beide Arme in die Höhe und hält sich an den Refrain, derweil der Song noch im Strophenteil steckt. Der Musiker hinter den Keyboards, verdeckt hinter haufenweise Geräte, zieht zufrieden seinen Schnurrbart hoch. Seine Partnerin bedient die Rhythmusmaschine und lächelt in die Runde. Auf dem schmutzigen Fussboden liegt ein mit Wasser gefüllter Hundenapf, daneben bildet sich eine kleine Pfütze. Ein Gast mit einem Bierglas in der Hand lehnt an der Türe und fordert die beiden Frauen draussen auf, hinein zu kommen.

15.20 Uhr, hei

Samstag, 9. Juni 2007

2007-06-09, Samstag, 00.15 Uhr

Garagendach in einem Hinterhof der Gerechtigkeitsgasse = Grillsitzplatz

Drei Frauen und drei Männer sitzen um einen Tisch bei Salat, Bier verschiedenen Grilladen, unterhalten sich in verschiedenen Lautstärken miteinander: einige mit eher tiefen, gedämpften Stimmen, andere mit eher hellen, lauten. Der Innenhof ist auf zwei Seiten von einem ‚modernen’ Verwaltungsgebäude eingefasst : in den Räumen sieht man auf Tischen, die immer zu viert angeordnet sind, immer vier Computermonitoren : die Monitoren sind mit verschiedenen Bildschirmschonern versehen und in Betrieb : eine Seite rot, andere Seite blau. Es befinden sich keine Personen in den Büroräumen. Ein Tier beginnt zu schreien, erst ist nicht klar, was es ist. Es klingt nach einer Weile vogelartig, wie ein Papagei oder ein Kakadu. Der Vogel schreit ununterbrochen zehn Minuten lang, dann ist wieder Ruhe. Die Menschen unterbrechen ihr Gespräch und hören dem Tier zu, mutmassen, was das sein könnte.

00.33 Uhr, sti

Freitag, 8. Juni 2007

2007-06-08, Freitag, 19.56 Uhr

Turnhalle, Zentralstrasse 105

Ungefähr dreissig Personen liegen auf dem Rücken und machen Dehnübungen; das linke Bein ist angewinkelt, das rechte gestreckt. Der rechte Arm umklammert das linke Knie, der linke Arm bleibt ausgestreckt. Leises Ein- und Ausatmen. Der Schweiss tropft auf den Boden und bildet bei manchen Sportlern eine kleine Pfütze. Blickt man zur Decke, dort wo die Turnerringe hoch gezogen sind, sieht man in den Seilwindungen einen gestreiften Ball gefangen. «Gut», ruft jetzt der Trainer und gibt die nächsten Anweisungen, «aufstehen und sich an die Wand lehnen.» Das Aufstehen erfolgt in unterschiedlichem Tempo. Die einen Sportler wirken wie eine Sprungfeder und stehen im Nu da. Andere sind sichtlich erschöpft und rutschen zuerst auf den Knien herum, ehe sie hoch auf die Beine kommen. «Kommen wir zum Schluss», Florian, einer der Konditionstrainer des «Boxclubs Zürich», macht die letzte Lockerungsübung kurz vor. Sichtliche Erleichterung, jemand fährt sich mit dem nassen Ärmel einer Trainerjacke über das Gesicht. Stille, Minuten vergehen. «Danke, das war’s für heute. Schönes Wochenende!», der Trainer geht nun von der Wand weg und begibt sich in den Geräteraum. Alle klatschen in die Hände, spenden einen kurzen, müden Applaus und schlurfen Richtung Ausgang zu.

20.01 Uhr, hei

Donnerstag, 7. Juni 2007

2007-06-07, Donnerstag, 10.58 Uhr

Bahnhof Oerlikon

Ein Mann und eine Frau betreuen eine Schar Jugendlicher. Die Jugendlichen sind gehörlos oder haben eine Höreinschränkung, was auch daran zu erkennen ist, dass sich ihre beiden Begleitpersonen in der Gebärdensprache mit ihnen unterhalten, respektive ihnen Anweisungen geben. Die S 7 steht, die Türen sind offen, die Jugendgruppe drängt sofort in den Waggon. Zunächst herrscht Unentschlossenheit, ob man sich im oberen oder unteren Stockwerk der S-Bahn platzieren will. «Michael, Michael», ruft die eine Begleitperson ihrem Schützling nach, der sich verständlicherweise nicht nach ihr umdreht. Sie geht auf Michael zu und tippt ihn an die Schulter, worauf er reagiert. Mit vielen Gesten versucht sie ihm etwas zu erklären. Der männliche Betreuer führt die Gruppe ins obere Abteil. Im Zwischengang der S-Bahn, neben den Türen, wo sich Klappenbänke befinden, hockt ein Blinder. Schwarze Brille, weisser Stock und die gelbe Armbinde. Ein ungepflegt aussehender Mann mit fussligem Bart und zerschliessenen Kleidern hält sich an einer Stange fest und quasselt vor sich hin. Es ist unklar, ob er Selbstgespräche führt oder sich mit dem Blinden unterhält. Der Blinde sitzt in aufrechter Haltung und antwortet in regelmässigen Abständen mit «ja, ja». Und mit jedem «ja, ja» wird das unverständliche Gerede des anderen schneller und lauter.

11.03 Uhr, hei

Mittwoch, 6. Juni 2007

2007-06-06, Mittwoch, 09.42 Uhr

Marktplatz, Oerlikon

Die Bücherauslage vor dem «Ex Libris» bleibt unberührt. Zwar weisen drei Verkaufstafeln mit grossen Lettern auf «einmalige Schnäppchenpreise» hin. Aber die vorwiegend älteren Marktbesucher interessieren sich für die vielen Gemüse- und Blumenstände, die über den ganzen Platz exakt ausgerichtet verteilt sind. Die gestapelten Bücher mit Titeln wie «Die Natur entdecken» liegen ungeschmökert da. Kameraschwenk: Ein paar Schritte vom «Ochsner Sport» entfernt befindet sich ein «Migros»-Bankomat. Ein Mann im weissen Polo-T-Shirt steht dort leicht gebückt und zählt Noten nach. Nachdem er das Geld eingesteckt hat, betätigt er abermals mit festem Fingerdruck die Zahlenkombination und blickt in den kleinen Monitor. Er folgt den Anweisungen des Automaten und drückt entsprechend die gewünschten Kombinationen ein. Kameraschwenk: Ein Obst- und Blumenverkäufer, ein jüngerer Mann im blauen Sennenhemd, wickelt einen kleinen Sonnenblumenstrauss in ein Stück Zeitungspapier ein und übergibt diesen einer Frau, die einen flüchtigen Blick auf ihren Kauf wirft, um sogleich an Krücken wegzuhumpeln. Auf kleinen Schildchen ist zu lesen: «Donau Spargel Kg. 18.80», «Kirschen Kg. 12.80», «Feini Aprikosen Kg. 10.80», die konturierten Umrisse sehen nach Computerschriften aus, auf dem Aprikosen-Schildchen ist eine französische Flagge von Hand draufgemalt. Kameraschwenk: Auf einer Bank legt ein Rentner eine kurze Verschnaufpause ein. Über dem schwarz-weissen Batikmusterhemd baumeln ihm braune Hosenträger herunter. Eine alte Frau steuert zügig auf dieselbe Bank zu, legt ihre Tasche dorthin und beginnt Waren umzupacken. Der Rentner beachtet sie kaum. Sie murmelt etwas vor sich hin und verschwindet mit ihrer Tasche in die Mitte des Marktplatzes.

09.58 Uhr, hei

Dienstag, 5. Juni 2007

2007-06-05, Dienstag, 20.33 Uhr, Terrasse des EB Riesbach

Noch zwei Nussgipfel, zwei Semmeli und zwei Sandwich mit Salami sind, neben Kaffe, viel Wässerligütterli und Papierservietten im Abendangebot. Etwas über dreissig Leute stehen und sitzen auf der Terrasse, einige sehen sich den Abendhimmel an, der in wolkengedämpftem Sonnenlicht ein weiches Licht ausstrahlt. „Hier oben ist immer Fotografierlicht“, sagt ein Mittvierziger, „jedesmal beste, spannende Lichtverhältnisse.“ Auf diese Aussage reagiert niemand von den Umstehenden, das Gespräch dreht sich um Computertechnik und Feinheiten der Websitegestaltung. Die Frau hinter der Theke mit den Nussgipfeln beginnt die Chromstahlküche zu reinigen. Auf einer Seite der Terrasse stehen Raucher, auf der anderen die Nichtraucher – an Säulen ist die Trennung mit Schildern bekanntgemacht. Einige Grüppchen entfernen sich wieder in das Gebäude, andere bleiben sitzen.

20.44 Uhr, sti
2007-06-05, Dienstag, 10.22 Uhr

Taxistand, Bahnhof Enge

Der Taxifahrer beobachtet den Himmel, das Wetter heute ich freundlich. Passanten eilen zu den Bahnsteigen, einige unter ihnen sind sommerlich gekleidet. Der Taxifahrer macht ein leicht verärgertes Gesicht. Soeben hat er sich eine Zigarette angezündet, und nun verlangt ein Fahrgast nach seinen Diensten. Er wirft die frisch angezündete Zigarette mit einer federnden Handbewegung auf die Strasse und stösst den inhalierten Rauch als lange Schäfchenwolke aus. Die Zigarette klebt unter seinen Absätzen, er macht sich ans Steuer und will wissen, wo es hingeht. Das Gesicht ist zerknautscht, trägt viele Falten und erinnert an einen viel benutzten Baseball-Handschuh mit etlichen Schweissrändern. Das kleine Personalfoto auf dem Taxifahrerausweis zeigt ihn mit einer grossen, getönten Brille. Er hat das Pensionsalter längst überschritten. Die Abfahrt ist rasant. Bei der Tramhaltestelle «Museum Rietberg» unterhalten sich zwei Männer, die Bauhelme und gelbe Sicherheitswesten tragen. Ein Fahrradfahrer schwankt mit seinem Vehikel, weshalb der Taxifahrer den Blinker betätigt und auf die Gegenfahrbahn zusteuert. Das 7er-Tram fährt von der Haltestelle «Bahnhof Wollishofen» weg. Der weisse Volvo Kombi nimmt nun die Linkskurve, vorbei am «Morgental», vorbei an einem Restaurant mit Terrasse. Nach der zweiten Querstrasse biegt der Taxifahrer ab und drosselt die Fahrt. «Hier müsste die Moosstrasse Nr. 2 sein», sein Kopf beugt sich zur Frontscheibe vor. «Die Äste gehören geschnitten, ich kann das Strassenschild kaum erkennen... Doch, das müsste hier sein». Der Taxifahrer steigt aus und geht einmal links um den Volvo Kombi herum. Er öffnet mit einer galanten Bewegung die Beifahrertüre, dreht und streckt sich, um sich nochmals nach dem richtigen Standort zu vergewissern. «Hier, die Nummer 2. Wie ich richtig vermutet habe. Aber die Äste gehören geschnitten. So erkennt man ja nichts». Er nimmt die Zwanzigernote, der Betrag ist als Trinkgeld aufgerundet. Aus der linken Hosentasche zieht er eine abgewetzte Geldbörse und steckt die Note ein. Im Baseball-Handschuh blinzelt ein Lächeln. «Einen schönen Tag!»

10.30 Uhr, hei

Montag, 4. Juni 2007

2007-06-04, Montag, 19.26 Uhr

Kinderspielplatz, Liegenschaft an der Eichbühlstrasse

«Adriana», ruft ein kleines Mädchen seiner Spielgefährtin zu, das zweite «a» erklingt laut und sehr gedehnt im Hof. Die kleine Adriana blickt zwar auf, zeigt aber ansonsten keine Regung. Sie lehnt stattdessen an einer Mauer und wirkt etwas unbeteiligt. Ein lebhaftes Stimmengeknäuel erfährt eine zusätzliche Steigerung; jeder ruft jedem etwas zu, alle machen in irgendeiner Form auf sich aufmerksam und vollführen Verrenkungen. Neun Kinder im Alter von ungefähr vier bis zehn Jahren trollen und turnen an einem Holzobjekt herum, welches aus einer hellgrünen Doppelrutschbahn, einem schmalen Steg mit Geländer und einem turmähnlichen Gebilde mit Leiter besteht. Es sieht wie ein Fertigteil aus einem Baumarkt aus. Eine kleine Metallstange ragt oben aus dem Turmgebilde heraus, die Distanz zum Boden beträgt über zwei Meter. Ein Junge (der einzige) macht Klimmzüge, worauf eine pausbäckige Ponyfrisur langsam von zehn rückwärts zu zählen beginnt. «Vier, drei, zwei eins...», der Junge stoppt mit den Klimmzügen und lässt sich fallen. Rasch wischt er die Kniestellen seiner Hose sauber und eilt zu einer Schaukel. Ein Mann anfangs vierzig stösst hinzu. Er nimmt eines der Mädchen und hebt es zur Metallstange. Die Kleinste von allen möchte aber lieber die Rutschbahn hinunter sausen. Der Mann hievt deshalb das Mädchen im roten Pullover auf den Holzsteg, wo die beiden Rutschen befestigt sind. An seinem schlaksigen Körper flattert ein dunkelblauer Traineranzug mit zwei weissen Streifen seitlich, die nackten Füsse stecken in weiss-blauen Plastiksandalen. Er macht einen kurzen Satz und beginnt nun ebenfalls mit Klimmzugübungen. Die Kinder beachten ihn kaum und eilen allesamt zur Schaukel. Eine Weile noch läuten die Kirchglocken. Ein Platzregen setzt ein, die Kinder rennen weg, der Mann schlurft unter ein Vordach. Man hört, wie die Schaukel leer hin und herpendelt.

19.40 Uhr, hei

Sonntag, 3. Juni 2007

2007-06-03, Sonntag, 16.46 Uhr

S-Bahnstation Zürich-Hardbrücke, Gleis 2, Sektor A

Unmittelbar neben dem Hintereingang des Restaurants «Rosso» prangt eine grosse Werbefläche. Links ein Plakat im B12-Format: «Jedem sein Heim», auf rotem Hintergrund ist ein Iglu abgebildet. Rechts drei aneinander gereihte Plakate im B4-Format: «Naturschutzgesetz Ja». Ein Pärchen steigt die Eisentreppe von der Bushaltestelle «Bahnhof Hardbrücke» hinunter. Sie ist schwanger, über ihrem Kugelbauch baumelt eine kleine, modische Handtasche. Beide sehen müde aus, beide steuern sogleich auf eine auf dem Bahnsteig stehenden Bänke hin und setzen sich. Schweigen. Um 16.49 Uhr fährt auf Gleis 2 die S 5 Richtung Pfäffikon SZ ein. Nur wenige Fahrgäste steigen aus, nur wenige ein. Abfahrendes Zuggeräusch. Ein Jugendlicher trägt über einem weissen Hemd eine schwarze Cordjacke, verwaschene Jeans hängen an ihm herunter. Er macht kleine Schritte und bewegt sich dabei im Kreise und blickt unentwegt auf den Boden, als denke er angestrengt über etwas nach. Nahe der Eisentreppe steht ein weiterer Jugendlicher. Seine Frisur ist seitlich beinahe kahl rasiert, eine lange Haartolle fällt auf seine Stirn. Neben den Füssen liegt eine Sporttasche. Die kleine «Rossi»-Terrasse ist zunächst noch leer. Die S 5 rauscht weg, die S 16 fährt auf Gleis 3 ein. Das Pärchen murmelt etwas, der Jugendliche schreitet immer noch Kreise ab. Jemand betritt nun die Terrasse, schiebt einen Plastikstuhl weg und macht sich mit einer Zeitung bequem. Die schmale Tür steht offen, in der Bar funzelt eine kleine Lampe. Auf Gleis 1 fährt die S 9 ein und entlädt ein paar wenige Passagiere. Die S-Bahn steht für ein paar Minuten still, der S-Bahnführer beisst sich auf den linken, kleinen Finger; er scheint die Armaturen mit seiner Armbanduhr zu vergleichen. Der lange Bahnsteig ist grösstenteils überdacht. Auf einer der vielen Querstangen sind vier violettfarbene Luftballone angebunden. Die S 9 fährt weg, ein Luftzug streift die herzförmigen Ballone, die kurz zu nicken beginnen.


16.58 Uhr, hei
2007-06-03, sonntag, 15.20 Uhr, Shell Tankstelle, Bellerivestrasse, nähe Bahnhof Tiefenbrunnen

Das Wetter : bedeckt, kühl, mit einigen blauen Flecken am Himmel. Der Boden der Tankstelle ist asphaltiert, 3 Reihen Benzintanksäulen, überdacht, mit Shell-logo an der Dachkannte, ein kleines ebenerdiges Ladengebäude, flachdachig, dahinter ein eingerüstetes Wohnhaus aus den 20er Jahren, Hauptstrasse Bellerivestrasse mit regelmässigem dichtem Verkehr stadtein- und auswärts : das City Limit ‚Zürich’ Ortsschild ist in der Ferne erkennbar. Zwischen platzabgrenzender Mauer und Asphalt wachsen zwischen 2-Taktbenzinpumpe und Pressluftschläuchen Scharfer Hahnenfuss und Huflattich. Ein Taxi (Mercedes), ein Audi, ein Honda sind am auftanken. In einem 'wartenden' VW sitzt eine blonde Frau auf dem Beifahrersitz, der Fahrersitz ist leer. Ein Mann und eine Frau gehen zu ihren Fahrrädern, diskutierend, steigen auf, fahren weg. Audi fährt weg, ein VW folgt unmittelbar an seine Stelle. Eine Frau mit Stöckelschuhen geht in den Laden, einige der Auftankenden drehen den Kopf in die Richtung des Geräusches. Ein aufgeblasener Plastikdinosaurier ist mit gespreizten Beinen auf einen Stapel Ölkanister geklemmt. Es riecht nach ausgelaufenem Benzin. Der VW fährt weg. Ein Shell-Angestellter in blauer Uniform kommt aus dem Laden, wirft aus einem pinkroten Plastikkübel Sand auf eine Benzinlache neben der Tanksäule, wo eben noch der VW stand, wischt den Sand über das Benzin, geht wieder in den Laden. Eine dunkelhaarige Frau rennt aus dem Laden, kehrt nach etwa 5 Metern wieder um, rennt in den Laden zurück. Ein Mann geht herum, spricht mit seinem handy in einer östlichen Sprache. Ein weiterer Mann kommt aus dem Laden, Bierdose unter den Arm geklemmt, Zigarettenpackung aufreissend, er geht weg Richtung Stadt. Ein Ford fährt heran. Ein Mann steigt aus, steckt den Benzauffüllstutzen in sein Auto. Er steht neben dem Auto, geht dann in den Laden. Ein behelmter Mann auf einem Piaggio dreht eine Runde um alle Autos, fährt dann weg. Der im Hintergrund sichtbare See ist von einigen Segelschiffen befahren.

15.28 Uhr, sti

Samstag, 2. Juni 2007

2007-06-02, Samstag, 09.15 Uhr

«New Point» (ehemals Restaurant «Flora»), Albisriederplatz


Der Kellner im weissen, kurzärmligen Hemd ist mit Geschirrabräumen beschäftigt und beachtet die zwölf Gäste im schlauchförmigen Restaurant kaum. Weiter hinten sitzt eine Vierergruppe Ausländer vor leer getrunkenen Kaffeetassen. Kleingeld klimpert auf den Holztisch, aus dem Radio erklingt gedämpft «Snow» («Red Hot Chili Peppers»). Draussen nieselt es, das 3er-Tram quietscht, die Vierergruppe macht sich jetzt davon. Ein Herr anfangs fünfzig, im schwarzen Anzug, brütet in der Mitte des Raums über seiner Tasse; zwischendrin blickt er durch die breite Glasfront. Seine blaue Krawatte ist schlecht gebunden, die braunen Schuhe sind schmutzig. Ein grosses Baugerüstet verhindert den freien Blick auf den Albisriederplatz. Auf dem Fenstersims sind Blumengestecke platziert, die allesamt Staub tragen. «3 Franken 80, bitte», der Kellner schaut selten auf, sein Blick fixiert stattdessen die leeren Tische, die er darauf mit einem gelben Lappen abwischt. Eine bebrillte Frau mit grauem Kurzhaarschnitt bestellt eine weitere Stange, das leere Glas wird sofort weggeräumt. «Ich möchte auch noch gleich bezahlen», winkt ein anderer Gast den Kellner heran. «Ich auch», ruft ein Mann mit Vollglatze, der sein Handy in die Westentasche steckt und Notizzettel sortiert. Der Kellner bewegt sich flink durch den Raum; er verteilt Körbchen, darin Gipfeli in roten Servietten eingewickelt sind. «Die Wetteraussichten für heute...trüb... », meldet das Radio. Das Restaurant leert sich. An einem Tisch unterhalten sich zwei ältere Frauen auf Türkisch. Ein hohes Geräusch dringt in den Raum; nebenan am Stand schabt der Kebab-Verkäufer an einem massigen Fleischzylinder. Der Kellner greift sich an seinen buschigen Bocksbart und überlegt. Dann richtet er die Stühle aus und legt aufgeschlagene Zeitungen weg. Die Frau mit Brille kriegt endlich das bestellte Bier serviert; sie nickt zufrieden und klaubt eine Zigarette aus der Packung. Es riecht nach Fett.


09.32 Uhr, hei

Freitag, 1. Juni 2007

viewprint© : das konzept

Das Viewprint©-Konzept (© = read as 'see')


Das Pseudo der Objektivität, das Pseudo der Subjektivität. In Limbo.

1. Ein Viewprint-Notat ist eine Zustands- oder Ereignisbeschreibung. Der Autor beschreibt, was da ist.

2. Der Autor eines Viewprint-Notats interpretiert nicht, d.h. er zeichnet lediglich auf, was er sieht, hört, riecht (mit seinen Sinnen wahrnimmt). Er vermutet und unterstellt nicht (wendet also in seiner Aussage weder Konjunktiv noch Potentialis, kein «vielleicht» oder «anscheinend» an, verwendet keine Exklamationszeichen. Zitate werden als solche gekennzeichnet).

3. Der Autor eines Viewprint-Notats beschreibt weder Geschichte noch Möglichkeiten.

4. Das Viewprint-Notat trägt stets eine Überschrift, bestehend aus: Zeitangabe und Ort.

5. Das Viewprint-Notat besteht in der äusseren Form aus etwa 2400 und 3200 Zeichen.

6. Das Viewprint-Notat endet stets mit der erneuten Angabe der Uhrzeit und dem Kürzel des Autors.

7. Viewprints können in allen Orten entstehen. Der Ort ist im Titel angegeben. Die Idee ist, dass an vielen Orten Viewprints entstehen : dass man lesensehen kann, was andernorts sich ereignet.

Beispiel eines Viewprint-Notats in seiner äusseren Form: 12.00 Uhr, Bellevue Zürich / Text / 12.05 Uhr Autorenkürzel

("Autor" und "Autorin" : find/replace : as you like it.)

hei/sti