Mittwoch, 23. Januar 2008

2008-01-18, Freitag, 16.56

3er-Tram, Haltestelle «Sihlpost» in Richtung «Lochergut»

«Grüezi mitenand! Freundlichkeitskontrolle!», ein Mann mit schwarzem Schlapphut und daran umwickelten farbigen Bändern betritt das 3er-Tram und positioniert sich breitbeinig. Mit lauter Stimme spricht er die Fahrgäste an; einige lächeln verlegen, andere schauen beim Wort «Freundlichkeitskontrolle» wie versteinert auf den Boden oder starren aus dem Fenster. Für einen kurzen Moment kommt etwas Heiterkeit auf, zuvor waren die meisten Fahrgäste mit einer Gratiszeitung beschäftigt oder versuchten angestrengt, keinen Mucks von sich zu geben. Er sei 42 Jahre alt, erfährt man im Laufe der Fahrt, der Mann mit Schlapphut sieht jedoch wesentlich älter aus. «Bist du ein Steinbock-Tschingg», fragt ihn ein gut gekleideter Mann mit unverkennbarem Walliser Dialekt. Dieser wirft ihm einen Blick zu und beginnt in geraffter Form seinen Lebensweg («vo Chur bis Züri») zu beschreiben. Der Walliser presst seine Aktentasche näher an seinen Körper, seine Krawatte wird dabei leicht zerknittert. Zwei Frauen gegen fünfzig, sie sind edel-alternativ gekleidet, mischen sich nun in dieses Gespräch ein. «Methadonprogramm», «Schwierigkeiten mit den Beinen», «den ganzen Tag etwas beduselt», «darf ich mich setzen?», vom Mann mit dem Schlapphut sind jetzt nur noch vereinzelte Sprachfetzen zu vernehmen, es ist laut im Tram. Die eine Frau trägt einen bunten Hut, Modell Pillbox, sie steht auf und überlässt dem Mann mit Schlapphut ihren Platz, «ich muss ohnehin am ‚Stauffacher’ aussteigen», sagt sie und tut dies etwas umständlich, versucht dabei dennoch locker und lässig zu wirken. Der Mann mit dem Walliser Dialekt hat inzwischen eine junge Frau angesprochen, die ihm gegenüber sitzt. Er erklärt ihr jeden einzelnen Fussballspieler, denn das 3er-Tram ist ein speziell dekoriertes EM-Tram, mit auffallend viel Werbung einer bekannten Biermarke. Die Sitzlehnen sind mit Namen von Schweizer Fussballern beschriftet. Die junge Frau nickt und versucht interessiert dem Walliser zu folgen. Der wiederum erklärt ihr jeden «Tschütteler»-Transfer (welcher Spieler in welchem Verein gespielt hat und für welche Summe ausgetauscht wurde etc.). Der Mann mit dem Schlapphut erzählt, dass er im hinteren Teil des «Rosengarten», in jener Abbruchhütte an der Haltestelle «Kalkbreite», gewohnt habe, als es noch ein besetztes Haus war. «Ich musste meine Wohnung renovieren, vor allem das Elektrische. Das Sozialamt hat nicht einmal etwas dazu beigesteuert. Ich musste alles selber berappen», fährt der Mann mit Schlapphut mit fester Stimme fort. Haltestelle «Lochergut» - einige Fahrgäste, die eben noch um den Mann mit Schlapphut herum gestanden sind, steigen nun aus. Das Tram fährt ab, man hört ein lautes Monologisieren.

17.04 Uhr, hei

Keine Kommentare: